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Motto 09 | Identität

Dass die Suche nach der persönlichen Identität eine komplexe Angelegenheit ist, hat jeder von uns am eigenen Leib erfahren. In den Pubertätsjahren kulminiert sie, ohne je an ein Ende zu kommen. Umso komplizierter wird es, wenn ganze Gruppen von Individuen nach ihrer Identität suchen: Wie definiert sich eine Nation? Was unterscheidet sie von anderen? Gibt es eine deutsche, europäische, badische Identität? Wofür steht die Generation Golf? Welchen Einfluss haben Glaubensgemeinschaften? Wie wirken sich Geschlechterdifferenzen auf das Zusammenleben aus? Und – denn danach muss ein Musikfestival fragen – was bedeutet kulturelle Identität?

Weit davon entfernt, solche Fragen vollständig beantworten zu können, will der Heidelberger Frühling 2009 mit Hilfe der Musik die eine oder andere Fährte legen und hofft, Denkanstöße geben zu können. Denn gerade unter dem Schirm der Musik fanden sich immer wieder Menschen zusammen, die ansonsten wenig miteinander teilten, wurden abstrakte Gemeinschaften konkret erlebbar: So steht Beethovens Neunte Sinfonie seit 1989 für ein geeintes Europa, als Symbolwerk aller Bewohner eines freiheitlichen „Abendlandes“. Überhaupt haftet Konzerten grundsätzlich etwas Identitätsstiftendes an, indem sie ihre Besucher, wenn auch nur für begrenzte Zeit, zu einer Erlebensgemeinschaft zusammenschweißen.
Wie kompliziert solche Gruppenbildungen und Zuschreibungen sind und in welche Extreme sie ausarten können, lässt sich an keinem klassischen Komponisten besser zeigen als an Felix Mendelssohn Bartholdy. In seinem Leben, seinem Schaffen und dessen Rezeption durchkreuzen sich bis heute nationale, religiöse, historische und kulturelle Identitätsfragen. Mendelssohn ist nicht nur der Jude, der zum Christentum konvertierte, der Deutsche, der eine Französin heiratete. Er ist auch derjenige, der durch die Wiederaufführung von Bachs „Matthäus-Passion“ der Musik seiner Heimat eine historische Tiefenwirkung eröffnete, der sich wie kein anderer Protestant seiner Generation der Kirchenmusik widmete. Und er ist derjenige, der von einem Robert Schumann als nationale Ikone gegen französische Komponisten in Stellung gebracht wurde, bevor der Nationalsozialismus den Namen Mendelssohn aus den Geschichtsbüchern zu tilgen versuchte – mit Folgen übrigens bis heute.

Zu den jüngsten Einspielungen von Mendelssohns Violinkonzert gehört die des britischen Stargeigers Daniel Hope. Für Hope sind musikalische Kreativität und Identitätsfragen nicht zu trennen: „Ich suche auch in den Stücken, die ich spiele, nach deren Wurzeln. Ich will wissen, woher sie kommen.“ Dazu mag seine eigene Herkunft beitragen, die er in dem Buch „Familienstücke“ aufgearbeitet hat: Hope wurde in Südafrika geboren, wuchs in England auf, hat irische und jüdisch-deutsche Vorfahren. Er selbst vergewissert sich seiner eigenen, kulturellen wie persönlichen Identität, indem er sie ständig infrage stellt. In seinen Projekten kombiniert er Klassik mit Jazz, studiert indische Ragas ebenso wie Bach und Mozart, setzt sich für die Werke vergessener Komponisten ein und erinnert an jene jüdische Musiktradition, die in Theresienstadt endete.

Die Lebenswege Hopes und Mendelssohns belegen, wie facettenreich das Panorama der eigenen kulturellen Identität sein kann. Und doch drängte und drängt eine Frage immer wieder in den Vordergrund: die der nationalen Selbstvergewisserung. An die vielen negativen „Antworten“ seit dem Ende des Kalten Krieges, von Jugoslawien bis Georgien, braucht hier nicht eigens erinnert zu werden, sie sind Gegenstand der Tagespolitik. In Deutschland genügt es, sich die eigene Geschichte anhand einer Feststellung Friedrich Nietzsches von 1886 zu vergegenwärtigen: „Es kennzeichnet die Deutschen, dass bei ihnen die Frage >was ist deutsch?< niemals ausstirbt.“ Und genau daran – an die Frage ebenso wie an den zeitgeschichtlichen Hintergrund von Nietzsches Bonmot – knüpft Dieter Borchmeyer im Schwerpunkt „Literatur und Musik“ an. Auch dort heißt es: „Was ist deutsch?“ – und auf die zahlreichen unterschiedlichen Antworten, vom angeblich deutschen Rhein bis zu Wein, Weib und Gesang, darf man gespannt sein.
Denn auch hier gilt: Vereinfachungen wurden dem komplexen Thema der kulturellen Identität noch nie gerecht. Zwischen dem, was in der Musikszene des 19. Jahrhunderts als „typisch“ deutsch und „typisch“ französisch galt, herrschte intensiver Austausch. So sind Wagners Weihefestspiele ohne Hector Berlioz und die Pariser Grand Opéra ebenso undenkbar wie die französische Kammermusik kurz vor 1900 ohne ihre rechtsrheinischen Vorbilder. In beiden Fällen wurde Identität vom Rang eines nationalen Kulturguts durch ein kompliziertes Wechselspiel von Nachahmung und Abgrenzung geschaffen. Nachzuvollziehen etwa beim Eröffnungskonzert des Heidelberger Frühling (21. März 09) oder beim „französischen“ Recital mit Janine Jansen (21. April 09), beim Sturm auf die deutschen Alpengipfel mit Nietzsche im Gepäck (4. April 09), aber auch in der Gegenüberstellung englischer Streichermusik und Bach-Konzerten beim Auftaktkonzert mit der Academy of St Martin in the Fields (26. Januar 09).
Die starren Grenzen zwischen Künstlern und Publikum aufzuheben, darum geht es beim Streichquartettfest, das seit 2005 das Festivalprogramm bereichert und von Jahr zu Jahr an Beliebtheit gewinnt: in Workshops, offenen Konzertformen, zahlreichen Begegnungsräumen für alle Beteiligten. Experimentierfreudigkeit ist gefragt, wenn zwei legendäre Ensembles wie das Arditti Quartet und das Hilliard Ensemble in den jeweils anderen „Jagdgründen“ wildern – ganz zu schweigen von dem Überraschungspaket „Lange Nacht Streichquartettfest“, das sich mittlerweile als Höhepunkt des Wochenendes etabliert hat.

Das Festivalteam wünscht Ihnen einen schönen Heidelberger Frühling 2009.

 

 

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