Liest man Zeitungskritiken über Auftritte von Grigory Sokolov, stellt sich unweigerlich der Eindruck ein, man habe es hier mit einem Heiligen oder wenigstens einem überirdischen Wesen zu tun. Der Künstler habe durch sein Spiel „sich selbst, den Flügel und die Hörer zu einer Einheit werden lassen“, die „Zeit und Raum vergessen ließ“, liest man 2009 in den Ruhr Nachrichten. Diese ungeteilte Begeisterung findet sich durchweg in allen Medien, unabhängig davon, ob Sokolov nun Bach, Beethoven, Brahms, Chopin oder Rachmaninow spielt. Erstaunlich ist dies nicht nur als Faktum an sich, sondern auch aufgrund der Tatsache, dass Sokolov – Mitglied im illustren Kreis der Tschaikowsky-Preisträger – weder zu den glitzernden Tastenlöwen noch zu den Plattenstars im Musikbusiness gehört, sondern im Gegenteil als unprätentiös und uneitel gilt. Dies ist sicher auch ein Teil des Geheimnisses des genialen Pianisten Sokolov, das bewirkt, dass seine Konzerte regelmäßig ausverkauft sind und ebenso regelmäßig mit Standing Ovations des begeisterten Publikums enden. Sokolov selbst sagte in einem Interview: „Musik ist für mich kein Beruf, sondern ein Aspekt des Lebens. Nicht für alle Menschen ist Musik eine Seite des Lebens. Für manche ist es wirklich ein Beruf. Um zu leben, nicht das Leben selbst. Die innere Welt ist das Wichtigste in der Musik, überhaupt in der Kunst.“ Der andere Teil des Geheimnisses ist – neben seiner brillanten Technik und seinem subtilen Klanggespür –, dass Sokolov stets dem Dienst am Komponisten verpflichtet ist. Das bringt ihn zu Interpretationen auch von Werken, die man gut zu kennen meint, deren grandios ausgearbeitete Klangbalance und Tiefenschärfe nie selbstgefällig ist, sondern erhellend. So, sagen die Kritiker einhellig, haben sie das noch nie gehört – ein Künstler wie aus einer anderen Welt.
Grigory Sokolov Klavier