Am 23. Dezember 1989 – anderthalb Monate nach dem Mauerfall – führte Leonard Bernstein in Berlin die 9. Sinfonie von Beethoven im Westen und zwei Tage später im Osten der Stadt auf. Den Schlusssatz hatte man so noch nie gehört, denn aus der Ode „An die Freude“ wurde nun ein Hymnus „An die Freiheit“. Bernstein griff hier auf die Legende zurück, der erste Vers des Gedichts habe tatsächlich in der Urfassung nicht der Freude, sondern der Freiheit gegolten.
Auch 20 Jahre nach dem Mauerfall hat das Lied „An die Freude“ nichts von seiner Aktualität verloren, steht Schillers Text in der Vertonung Beethovens doch heute als musikalisches Synonym für ein in Freiheit vereintes Europa. Wer im 19. Jahrhundert und weithin auch noch im 20. an Schiller dachte, dachte an Freiheit, ja Schillers dichterische Welt bot Ersatz für sie, wenn sie im politischen Leben versagt wurde. Der nationale Begeisterungstaumel des Schiller-Jahrs 1859 ist kaum anders zu erklären. Auf Schiller wurden die durch das Scheitern der Revolution von 1848 enttäuschten Freiheits- und Einigkeitsillusionen des liberalen Bürgertums projiziert.
Von der vermeintlichen Freiheitshymne über die heimliche Nationalhymne bis zur inoffiziellen Europahymne reicht die Wirkungsgeschichte von Schillers Ode „An die Freude“, die der Vortrag von Dieter Borchmeyer vor dem Hintergrund der Mentalitätsstrukturen des späten 18. Jahrhunderts und der deutschen Geschichte nachzeichnen wird.
Dieter Borchmeyer Vortrag
In Kooperation mit der Bayerischen Akademie der Schönen Künste und der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Fotonachweis: privat