In dieser Stadt gibt es ein Lied-Gen

Nicht jeder Stadt passiert jede Geschichte. Heidelberg hat eine, die sich so kaum andernorts findet: Heidelberg ist Liedstadt. Die Liedstadt – vom Codex Manesse im Mittelalter über die Veröffentlichung von ›Des Knaben Wunderhorn‹ und die Entstehung des ›Zupfgeigenhansl‹ Anfang des 20. Jahrhunderts bis hin zur Entwicklung einer neuen Folksongbewegung und der Entstehung des deutschsprachigen Hip-Hop. In dieser Stadt muss es ein Lied-Gen geben.

Lied als Werkstatt

Als Clemens Brentano und Achim von Arnim zwischen 1805 und 1808 ihre Volksliedersammlung ›Des Knaben Wunderhorn‹ in Heidelberg veröffentlichen, gaben sie die von ihnen gesammelten Texte nicht nach strengen philologischen Kriterien heraus; vielmehr »restaurierten« sie die »ursprüngliche« Form der Lieder, indem sie sie dichterisch bearbeiteten. Dieses Vorgehen wirft ein Schlaglicht darauf, dass im Grunde die gesamte Geschichte des Liedes eine einzige große Werkstatt ist. Melodien verändern sich durch Gebrauch, Volkslieder werden zu Kunstliedern, Kunstlieder zu Volksliedern.

Impressionen von der Gründungsfeier in Berlin

Heidelberger Romantik – Einheit der Künste

Die Heidelberger Romantik hält noch einen weiteren Aspekt bereit: die Erkenntnis, dass die Künste zusammen gehören. Sie streben nach demselben Ausdruck. Dies liefert die Grundlage für einen interdisziplinären sowie genre- und gattungsübergreifenden Ansatz. Lied ist weitaus mehr als Kunstlied. Das Lied in seiner gesamten Breite ist tiefster emotionaler Ausdruck, Träger kultureller Identität, kulturhistorisches Kaleidoskop, das jenseits der Festlegung auf Genregrenzen mit all seinen Facetten ein »Spiegel der Welt« (Hampson) ist.

Lied ist mehr als…

Der Blick auf das Lied beschränkt sich nicht auf die bürgerliche Gattung des Kunstliedes. Lied ist auch Volkslied, Jazz, Popsong, Arbeiterlied, Kriegslied, Ballade, Chanson, Rap – die Liste lässt sich beliebig fortführen. Es muss in seinem kulturhistorischen Kontext entschlüsselt und nach seiner Aktualität für unsere Gegenwart befragt werden. Das Lied muss neu gelesen und in einen breiteren programmatischen Zusammenhang gestellt werden. Das Lied ist in allen musikalischen Stilen zu Hause und erreicht alle Alters- und Bildungsschichten. Es ist die einzige musikalische Gattung, die in allen Kulturen zu finden ist. Es ist völkerverbindend und Gemeinschaft stiftend.