Ein »gewohnt anderes« Echo zum ECHO

Statement der Classic Scouts zur ECHO-Debatte | Mai 2018

Nach langer, kontroverser und anregender Diskussion, sind wir, die Jugendgruppe „Classic Scouts“ des Heidelberger Frühling, einstimmig zu dem Schluss gelangt, dass wir uns in erster Linie eine differenzierte(re) und von gegenseitigem Verständnis geprägte Debatte um den ECHO in der medialen Öffentlichkeit wünschen. An dieser Stelle geht ein großer Dank an Festivalintendant Thorsten Schmidt, der uns zur Meinungsbildung motiviert und Raum und Zeit zum Debattieren gegeben hat. Dieses Statement soll für alle Leser ein kleiner Anstoß zur weiteren Diskussion sein.

Den kommerziellen Vergabekriterien sowie den offensichtlichen Fehlern der ECHO-Jury und des Ethikrates ist mit der Abschaffung des ECHOS in ausreichender Weise Rechnung getragen worden, weshalb eine weitere Thematisierung hinfällig erscheint. Darüber hinaus stand die Vergabe des ECHO-Klassik, den der Heidelberger Frühling im Jahr 2015 für das Projekt „Classic Scouts“ erhielt, von jeher unter einem anderen Stern: hier gab es weder Ethikrat noch geschah die Auswahl nach den sogenannten „kommerziellen Vergabekriterien“, wenngleich die Kritik am Dachverband unglücklicherweise auf alle Sparten des ECHO abfärbt.

Soweit zur Einigkeit in der Scouts-internen Debatte. In allen anderen Punkten sind wir uns einig, dass wir uns uneinig sind: Es ist charakteristisch für das Recht auf künstlerische Freiheit, dass seine Grenzen nicht klar definiert sind. Immer wieder muss man sich fragen: Wann treten sie mit anderen elementaren Grundrechten, wie der unantastbaren Würde des Menschen, zu sehr in Konflikt? Oder ist es überhaupt anmaßend, sich als moralisch überlegen zu sehen, jemanden geradeheraus zu verurteilen, wo jeder seine eigene Mustergültigkeit zuallererst hinterfragen kann?

Antisemitismus ist – wie jede andere Form von Rassismus und Menschenverachtung – unduldbar. So weit so gut. Wann aber, wird „Rap-Kunst“ antisemitisch? Kollegah und Farid Bang haben sich – so wie inzwischen die ganze Rapper-Szene – in zahlreichen Videos zu den Antisemitismus-Vorwürfen geäußert; nur wollte das niemand hören. Sie haben nichts gegen Juden, behaupten sie. Doch müssen sie dies beweisen? Provozieren und Degradieren, Degradieren und Provozieren: Das ist eine Endlosschleife im „Gangsta-Rap“ – weil es Stilmittel ist. Vielleicht ist es auch ein Sich-Abgrenzen eines Teils der jungen Generation von der „Alten“, ein Protest gegen die allgegenwärtige Politische Korrektheit. Wie dem auch sei: Auch wenn es rechtlich dem Bundesverfassungsgericht obliegt, kann doch jeder Einzelne sich seine eigene Meinung dazu bilden, wie weit ein Stilmittel gehen darf und was ein Grenzübertritt ist.

Viel wichtiger jedoch als zu tadeln und abzuurteilen, ist uns die Frage nach dem Warum: Wie kann es sein, dass so viele junge Menschen auf emotional hochaggressive Texte ansprechen? Ist es Faszination am technischen Können der Rapper, Aufbegehren gegen das Bildungsbürgertum oder doch Hass gegen Andere? Warum empört das manche und andere nicht?

Die Vergabe des ECHO an Kollegah und Farid Bang hält uns allen, die wir Teil dieser Gemeinschaft sind – nachdem es bereits die Bundestagswahlen getan haben – nun erneut einen Spiegel vor: Wir sind gespalten und wir bewegen uns auseinander. Das Symptom dieser Zerrissenheit: die ECHO-Debatte. Die Rückgabe eines ECHO mag die Verleihung von Musik-Preisen beeinflussen können, den Zustand der Gesellschaft kann man damit nicht verändern. Leider. Musik aber kann das. Sie kann EIGENARTEN vereinen, weil sie für alle da ist, weil jeder sie versteht. Weil sie, nach Victor Hugo, in der Lage ist, das auszudrücken, was nicht gesagt werden kann, worüber zu schweigen jedoch unmöglich ist.

Aus genau diesem Grund haben wir nicht versucht, unsere unterschiedlichen Sichtweisen symbiotisch zusammenführen zu wollen, sondern nutzen die Synergie, die entstehen kann, wenn man eine respektvolle und differenzierte Debatte führt, um etwas Konstruktives, Positives daraus zu schaffen: Gesellschaftliche Verantwortung wird letztendlich jedem zuteil; wir nehmen sie an und nehmen die ECHO-Debatte zum Anlass, für den Herbst ein neues Projekt in Angriff zu nehmen. Ein Projekt, das Jugendlichen eine Plattform bieten soll, über das Interesse an Musik zusammenzufinden, so unterschiedlich jeder einzelne auch sein mag. So, wie wir durch Musik zusammengefunden haben. Ein Projekt, das über seinen Weg zur Umsetzung deutlich macht, dass jegliche Form der Ausgrenzung in unserer Gesellschaft keinen Platz haben sollte. Unsere Generation ist es, die die Gesellschaft von morgen prägen wird. Wir möchten nicht nur zuschauen, sondern mitgestalten.

Und unser ECHO? Den geben wir nicht her, denn der dient nämlich im „Frühlingsbüro“ mitunter auch als Türstopper! Er hält die Tür offen, für den zwischenmenschlichen Austausch.