»Schweigen ist keine Option«

Am 18. März wurde Gabriela Montero der Musikpreis 2018 des »Heidelberger Frühling« überreicht. Sie wurde als Musikerin geehrt, für die das Musik machen ohne funktionierenden ethischen Kompass sinnlos ist. Als Künstlerin, die ihren Status als eine der gefragtesten Pianistinnen unserer Zeit dazu nutzt, auf Missstände wie in ihrer Heimat Venezuela aufmerksam zu machen. Und nicht zuletzt als Mensch, der die Welt mit seinen Mitteln – Musik – besser macht. Stück für Stück.
Die Laudatio hielt Igor Levit.

Laudatio – von Igor Levit

Dearest Gaby,
meine sehr geehrten Damen und Herren,
liebe Leserinnen und Leser,
«Anybody can play.
The note is only twenty percent.
The attitude of the motherfucker who plays it is eighty percent.«
Miles Davis
Es ist ein seltenes Glück, eine Künstlerin kennen zu dürfen, die dieses Zitat von Miles Davis so bedingungslos lebt wie Gabriela Montero. Ihr Schaffen, ihr Spiel, ihre Existenz als Musikerin, ihr unbändiger Einsatz, ja all das lässt diese Worte wahrhaftig werden. Sie lebt diese Worte. Dafür bin ich – und dafür müssen wir alle dankbar sein.

Es gibt Erlebnisse, die man nie vergisst. Man kann sie nicht vergessen, weil sie einen tiefgreifend berühren, zum Denken und Fühlen zwingen und einen schlagartig und nachhaltig verändern. Von genau einem solchen Moment muss ich Ihnen erzählen, denn er ist zu kostbar, dass er nur in mir Widerhall findet:

Gabriela Montero gastierte vergangenes Jahr in der „Komischen Oper“ in Berlin. Es ist das erste Mal, dass ich Gabriela live erleben durfte. Und ich war ungewöhnlich aufgeregt. Ich nahm Platz, harrte der Dinge, die passieren sollten und erwartete die auffächernde, emotionale und durchdringende Einleitung des wohl berühmtesten Klavierkonzertes aller Zeiten: „1. Klavierkonzert op. 23 in b-Moll“ von Pjotr Iljitsch Tschaikowski. Doch das, was ich statt der Einleitung hören sollte, war noch größer, noch bedeutender, noch einzigartiger. Mirga Grazynite-Tyle hob ihren Dirigierstab, das Orchester setzte an. Doch sie wurden unterbrochen.

Zwei sehr junge Menschen, eine Frau und ein Mann, in der ersten Reihe, sprangen von ihren Sitzen auf. Sie waren in eine gelb-blau-rote Flagge gehüllt und sie begannen zu singen. Es war die Nationalflagge Venezuelas und sie sangen die Nationalhymne „Gloria al bravo pueblo“. Ich kannte die Hymne nicht. Der Text stammt von Vicente Salias und die Musik von Juan José Landaeta. Vier Jahre nach der Entstehung der Nationalhymne wurden beide 1814 hingerichtet. Sie waren Aufständische.

Diese Musik, dieses Lied, gesungen von diesen beiden jungen Menschen, veränderte an diesem Tag alles – es veränderte das Publikum, die in diesem Konzert sein durften. Es veränderte mich. Die Raumtemperatur, zumindest fühlte ich es so, stieg ins Unermessliche und mein Herz fing an zu beben. Die beiden sangen, und sie sangen, und sie sangen. Es kam mir wie eine Ewigkeit vor. Gabriela drehte sich auf ihrem Stuhl in Richtung dieser beiden und hörte zu. Mit voller Aufmerksamkeit. So, als sei sie das Publikum. Es war wie eine intime Konversation zwischen drei Menschen. Und wir alle im Raum wurden beschenkt, dem zuzuhören. Ja, noch mehr: Wir durften teilhaben, wir durften diesen intimen Moment miterleben. Mir geht dieser Moment nicht mehr aus dem Kopf.

Sie können sich vorstellen, dass meine Gedanken in hunderte Richtungen gleichzeitig flogen. Einer dieser Gedanken war: wie tief muss das Vertrauen dieser beiden zu Gabriela gewesen sein, dass sie die Kraft hatten, für sie, mit ihr und für uns alle diesen Moment entstehen zu lassen. Wie viel Kraft müssen sie haben, alle Konventionen zu brechen und aufzumachen – ihr Herz, ihre Gedanken, ihre Überzeugungen, ihre Liebe zu Gabriela.

Diese beiden stehen für tausende von Menschen, die Gabriela Montero vertrauen, sich ihr anvertrauen, ihr schreiben, die sie in ihre Welt mitnehmen, die keine Furcht haben, Gabriela ihren Schmerz mitzuteilen. Das kann nur möglich sein, weil Gabriela Montero so innig, so warmherzig, so menschlich mit ihren Mitmenschen umgeht, ihnen zuhört, ihnen Halt und Trost gibt. Wie kann ein Mensch nur so großartig menschlich sein?

Sie vertrauen Gabriela, weil sie ihre Stimme erhebt, so wie es kaum jemand wagt. Sie kämpft für ihr Land, für ihre Mitmenschen, unabhängig davon, ob sie Freunde oder Fremde sind. Gabriela lebt Verantwortung. Ohne Rücksicht auf Verluste. Sie ist für jeden da, nimmt sich Zeit, nimmt Kraft, auch wenn keine da zu sein scheint, sie hört zu, versucht zu helfen, nimmt Anteil. Gabriela Montero kämpft. Ihr wird gedroht, sie wird bedroht, es wird versucht sie zu erschöpfen. Gabriela stellt sich diesen Hürden mit Kräften entgegen, die Menschen im Grunde nicht dauerhaft aufbringen können. Sie bringt diese unbändige Kraft auf. Gabriela Montero ist ein so starker Mensch, dass ich es kaum glauben kann. Sie tut das für ihr Land Venezuela, das sie nie aufgegeben hat und das sie nie aufgeben wird. Sie zeigt Haltung.

Und dass wir uns hier klar sind: Ich spreche hier nicht von einer „Schönwetterhaltung“, wie so viele sie proklamieren. Ich spreche von kraftstrotzender Haltung.

Will man politisch wirken, beruft man sich auf hohe Werte: Seid umschlungen Millionen oder Alle Menschen werden Brüder. Wir alle kennen diese Werte. Man mimt den Weltenretter, nur, weil man das Wort „Klaviersonate“ gerade einmal buchstabieren kann, nur um dann, außerhalb der Konzertsaalmauern, im Alltag, alle Haltung wieder an den Nagel hängen wird. Aber: Kunst ist Leben und Leben ist Kunst. Eine Künstlerin wie Gabriela zeigt, dass es keine Trennung gibt. Sie ist nicht nur Musikerin. Sie ist ein Musikmensch. Sie kämpft ohne Rücksicht auf ihre eigene Person. Sie kämpft, wissend, dass staatliche Repressalien ihren engsten Familienkreis nicht nur treffen können, sondern auch real treffen. Sie nimmt das Risiko in Kauf, nie wieder in ihr Heimatland reisen zu können. Das Land Venezuela, welches so sehr beschenkt ist mit einem ungeheuren Schatz an Rohstoffen, dass es eigentlich strahlen müsste. Venezuela kann momentan nicht strahlen, es kann nicht leben, es kann nicht frei sein, weil eine Narkomafia, die sich Regierung schimpft, die des Landes zerstört. Es zerstört die Gesellschaft, es zerstört das Leben.

Gabriela kämpft dagegen auf allen Ebenen. Sie erhebt ihre Stimme auch gegen Kollegen und nimmt es in Kauf, dass das Establishment aus Rachegründen ihrer Karriere Schaden zufügt. All das nimmt sie in Kauf. Das ist die kraftstrotzende Haltung, für die ich Gabriela zutiefst bewundere und mich vor ihr verneige. Es ist nicht die häufig zu erlebende „Politik à la Klassik“. Weitaus mehr Player unserer scheinbar so heilen Welt sollten ihrem Beispiel folgen. Wir müssen ihrem Beispiel folgen.

Dass Gabriela Montero eine wundervolle Musikerin ist, die eine Gestaltungsmacht, eine Imagination, eine innere Freiheit besitzt, die ihresgleichen sucht, das muss ich hier nicht betonen. Die meisten von Ihnen haben Gabriela sicher im Konzert erlebt. Hoffentlich nicht nur einmalig. Sie schafft es, jedem Instrument, welches sie berührt, Farben und Emotionen zu entlocken, die jeden Zuhörer aufs Direkteste anpacken, angreifen und berühren. Sie schafft es, dass man als Zuhörer niemals das Gefühl hat, was auf der Bühne passiert, sei einfach nur schön. Gabriela zeigt auch als Musikerin Haltung und erzwingt diese auch bei uns Zuhörern. Neutral bleiben geht nicht. Es ist bei ihr unmöglich. Große Musik kann das. Und nur große Musiker können das.

Gabrielas Klänge atmen, beben, lieben, fliegen, weinen, lachen, schmeicheln, kratzen. Kurzum: Gabrielas Klänge leben. Thelonious Monk, einer der bedeutendsten Komponisten und Pianisten des zwanzigsten Jahrhunderts, hat sehr kurz und prägnant formuliert: Wrong is right. Ich treibe es auf die Spitze und behaupte: There are no wrong notes. Es gibt keine falschen Töne. Es gibt auch keine Richtigen. Es gibt nur Eigene. Wenn wir das verstehen, befreien wir die Musik von so vielen Ketten, Regeln, Sprachregelungen, vorgefertigten Ideen und Käfigen, die sie nur einsperren wollen, anstatt sie freizulassen.

Ferruccio Busoni hat schon 1906 genau das formuliert. In seinem genialen, inspirierenden und zeitlos geltenden „Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst“ schreibt er:

Der Schaffende soll kein überliefertes Gesetz auf Treu und Glauben hinnehmen und sein eigenes Schaffen jedem gegenüber von vornherein als Ausnahme betrachten. Er müsste für seinen eigenen Fall ein entsprechendes eigenes Gesetz suchen, formen und es nach der ersten vollkommenen Anwendung wieder zerstören, um nicht selbst bei einem nächsten Werke in Wiederholungen zu verfallen. Die Aufgabe eines Schaffenden besteht darin, Gesetze aufzustellen, und nicht, Gesetzen zu folgen. Wer gegeben Gesetzen folgt, hört auf, ein Schaffender zu sein.

Gabriela Monteros Gabe, Musik freizulassen, sie jedes Mal neu entstehen zu lassen, tief an das Eigene zu glauben, Distanz abzubauen und allergrößte Nähe zwischen sich, der Musik und dem Zuhörer herzustellen, ist ungeheuer inspirierend. Ihre Improvisationen zeugen davon und ihre Arbeit am sogenannten Kanonrepertoire ebenso. Es lebt der Moment und nicht ein vorgefertigter Plan. Musik entsteht aus ihr heraus. Sie geht eine innigste Partnerschaft ein zwischen Komponist, Publikum und sich selbst. Es wird klar, dass es das ist, was Musik so einmalig macht: Niemand besitzt sie allein. Sie gehört niemandem allein. Nur uns allen. Niemand hat alleinige Deutungshoheit darüber, was und wie ein Werk sein soll. Musik kann nicht festgehalten und ihre ungeheure Kraft nur schwer in Textform wiedergegeben werden. Sie entsteht zwischen uns. Sie schwebt frei. Busoni sprach von ihr als dem Kind, welches schwebt. Es berührt nicht die Erde mit seinen Füßen. Es ist nicht der Schwere unterworfen. Es ist fast unkörperlich. Seine Materie ist durchsichtig. Es ist tönende Luft – es ist frei!

Gabriela Montero lebt diese Freiheit. Und hier komme ich nun zu dem Thema, welches mir das Wichtigste ist: das Menschsein. Das Wort Mensch ist ein jiddisches Wort. Ein Mensch ist, wer Würde und Ehre lebt. Ein Mensch ist, wer ein guter Mensch ist. Ansonsten ist der Mensch ein Unmensch. Das vergessen wir nur allzu gerne. Eugen Roth hat in seinem wundervollen Gedichtszyklus „Mensch“ geschrieben:

Ein Mensch meint gläubig wie ein Kind,

dass alle Menschen Menschen sind.

Nun, Gabriela ist ein Mensch. Im wahrsten Sinne des Wortes. Mir sind in meinem bisherigen Leben nur sehr wenige so emphatische, herzensgute, liebende, mitfühlende, inspirierende, klügere, und warmherzigere Menschen begegnet wie sie. Sie ist glücklich, wenn Du glücklich bist. Sie ist traurig, wenn Du traurig bist. Sie hört zu, wenn Du es brauchst, ohne, dass du danach fragen müsstest. Sie übernimmt Initiative, wenn Du schwach bist. Sie hilft. Sie ist für Dich da. Und ja, ich glaube fest daran, dass man das hört. Wie man ist, so spielt man auch. So macht man auch Musik.

Gabriela Montero kennt das Leben, lebt das Leben, erkennt es, sieht es und fühlt es, mit all seinen Brüchen, all seiner Schwärze, seinem Glück, seinem Schmerz und seinem Licht. Und deshalb schafft sie es auch beim Musik machen von diesem Leben zu erzählen wie nur wenige es vermögen. Ich bin von ganzem Herzen davon überzeugt, dass es genau das ist, was der „Musikpreis des Heidelberger Frühling“ ist: nicht einfach nur eine weitere Auszeichnung für berühmte Musiker, die ganz oben auf der Karriereleiter stehen, nicht einfach ein Geldpreis für die Stars der Branche. Nein. Dieser Preis steht für etwas, wofür auch das Festival steht, ja diese Stadt: Dieser Preis steht für den aufgeklärten Bürger.

Sie, und damit meine ich den „Heidelberger Frühling“ als Ganzes und alle Menschen, sollten nicht nur heute, sondern auch in Zukunft nicht einfach diejenigen auszeichnen, die Kritikern oder anderen Musikern in den Kram passen, weil sie – was auch immer das heißen soll – tolle Interpreten sind. Oder – und jetzt wird es ganz unmusikalisch: toll Klavier spielen können.

Wir müssen diejenigen Künstler würdigen, die Haltung zeigen.

Wir müssen diejenigen Künstler würdigen, die Verantwortung leben.

Wir müssen diejenigen Künstler würdigen, die das leben, was ein Mensch immer leben muss, wenn er ein guter Mensch sein will: für andere Menschen da zu sein.

Es ist mir eine große Ehre, eine Laudatio halten zu dürfen auf eine einzigartige, integre und wundervolle Musikerin, Kollegin und Freundin, die ich nur jedem Weltenbürger wünschen kann. Ich bin unsagbar dankbar.

Liebe Gaby: Danke.

Gabriela Monteros Dankesrede

Sehr geehrte Damen und Herren,

es ist mir eine große Freude, dass ich heute hier sein darf und mir diese Ehre zuteil wird, wofür ich sehr dankbar bin. Vor allem bin ich dankbar für die damit verbundene Gelegenheit, ein paar Worte zu sagen über die Pflicht des einzelnen Künstlers, wenn er konfrontiert wird mit den dunkelsten und kriminellsten Elementen der Welt, in der wir heute leben.

Nina Simone wurde einmal gefragt, warum sie die Plattform der Musik benutze, um über die Menschenrechtsverletzungen ihrer Zeit zu sprechen, und ob es für einen Künstler angemessen sei, dies zu tun.

„Ich entscheide mich dafür, die Zeiten und Situationen zu reflektieren, in denen ich mich befinde“, antwortete sie. „Das halte ich für meine Pflicht. In diesen entscheidenden Zeiten unseres Lebens, wenn alles so verzweifelt ist, wenn alles eine Frage des Überlebens ist, kann man nicht anders, als sich zu engagieren. Wie kann man ein Künstler sein und NICHT die Zeiten reflektieren? Ich denke, dass die Künstler, die sich nicht daran beteiligen, Nachrichten zu predigen, glücklicher sind. Aber, sehen Sie, ich muss mit Nina leben, und das ist sehr schwierig.“

Nun, ich muss mit Gabriela leben. Und für mich ist nicht relevant, welche Bedeutung das Wort „Pflicht“ für einen uninformierten Journalisten oder einen sich gestört fühlenden Zuhörer hat, sondern was ich darunter verstehe. Ich muss mich fragen, ob die Zeit und der Kontext, in denen ich lebe, eine öffentliche Reflexion von der Konzertbühne herab notwendig machen und damit rechtfertigen, und wenn ja, ob ich mit mir selbst leben kann, wenn ich mich dafür entscheide, sie NICHT zu reflektieren.

Ich bin Venezolanerin. Die Zeiten, in denen die Menschen in Venezuela heute leben, sind beispiellos in ihrer Barbarei und Entbehrung und das Ergebnis eines staatlich konstruierten Zusammenbruchs von Verbrechern, die sich als gewählte Amtspersonen ausgeben. Dieser Zusammenbruch wurde vor zwei Jahrzehnten von Hugo Chávez begonnen und hat seinen vollständigen Ausdruck unter dem Drogenmafia-Regime von Nicolas Maduro gefunden, einem Verbrecher, der bei den für Mai angesetzten lächerlichen Präsidentschafts“wahlen“ ein Mandat anstrebt, um das Land weiterhin als Geisel zu halten.

Im Jahr 2004 wurde mir das Versprechen einer lebenslangen finanziellen Sicherheit angeboten im Gegenzug für ein Konzert für das venezolanische Regime. Man machte mir sehr deutlich, dass man sich mit staatlichem Ölgeld „um mich kümmern“ würde. Ich hatte zu dieser Zeit nicht mehr als 1.000 Dollar auf der Bank. Ich war alleinerziehende Mutter zweier Mädchen in Caracas, aber ich sagte ihnen, dass ich nicht zu verkaufen sei. Ich weigerte mich, jemals ein Konzert für Chávez zu geben, da ich wusste, dass ich einem Regimeapparat dienen würde, der zweifellos zum Zusammenbruch Venezuelas führen würde. Ich konnte nicht mit dieser moralischen Dissonanz leben. Das war meine Entscheidung.

Im Verlauf des nächsten Jahrzehnts beobachtete ich, wie meine venezolanischen Musikkollegen eine extravagante vertragliche Propagandabeziehung mit dem Regime eingingen. Unter einem Regime-Ministerium wurden sie auf der Weltbühne zur Schau gestellt als Inkarnation von Chávez’ progressiver „Revolution“, Kinder, die als Reklametafeln die neue Flagge auf ihrem Rücken trugen, willkommen geheißen in den Konzerthallen der Welt, gefeiert von der Presse, gefördert von Agenten,

verehrt von der Öffentlichkeit. Dem anti-bürgerlichen Chávez war es gelungen, klassische Musik zu kidnappen, um das Image seines Regimes im Ausland reinzuwaschen und die erbärmliche Lüge des demokratischen sozialen Fortschritts fortzuschreiben, wie sie die emotionale Optik der Orchestereinheit machtvoll symbolisiert.

Zu Hause in Venezuela jedoch geriet die Nation in eine Abwärtsspirale Richtung Kollaps. Bis 2011, dem Jahr in dem ich „Ex Patria“ komponierte, war die Mordrate um 500% gestiegen. 19.336 Morde wurden in diesem Jahr gemeldet. Ich widmete diesen Opfern „Ex Patria“. Bis 2015, als ich das Werk schließlich einspielte, stieg diese Zahl auf 27.875 laut dem Venezuelan Violence Observatory. Als 2014 42 junge Demonstranten ihr Leben verloren, weil sie es gewagt hatten, gegen diese höllischen Zustände zu protestieren, gingen in Caracas Konzerte der von der Regierung finanzierten Musiker ohne ein Wort des Einwands über die Bühne. Ich konnte nicht schweigen.

Ich appellierte öffentlich an Gustavo Dudamel und Jose Antonio Abreu, ihre Beziehung zum Regime zu überdenken, da ihr staatlicher Zahlmeister genau die verderbten Bedingungen geschaffen hatte, aus denen sie die jungen Musiker laut ihrem Mission Statement zu retten behaupteten. Und doch dienten sie weiterhin dem Regime, spielten sogar im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen und wurden von Delcy Rodriguez öffentlich als Musterbeispiel der Revolution hochgehalten. Frau Rodriguez leitet jetzt die illegitime konstituierende Versammlung, Maduros alternatives Parlament, illegal zusammengeflickt, um die demokratisch gewählte, von der Opposition geführte Nationalversammlung zu ersetzen.

Erst als ein junger Musiker von staatlichen Sicherheitskräften aus nächster Nähe in den Hals geschossen und getötet wurde, nach monatelangen friedlichen Demonstrationen von Millionen, entschied sich Gustavo Dudamel, angeblich auf Drängen des Vorstand des Los Angeles Philharmonic, sich zu äußern. Nicht ein einziges Mal verurteilte er das Regime oder erklärte es für illegitim, stattdessen plädierte er für eine allgemeine Wiederherstellung demokratischer Werte. Viel zu wenig, viel zu spät.

Heute verbringe ich meine Zeit damit, Medikamente und Lebensmittelpakete über geheime Kanäle nach Venezuela zu schicken. Ich öffne hunderte Botschaften, die mir Musiker unaufgefordert senden und in denen sie vollkommen verständlicherweise um Hilfe, Geld, Medikamente und einen Weg in ein neues Leben in den USA oder Europa bitten.

Ich habe letzten Sommer mit einigen venezolanischen Musikern in Chile an einer ARTE-Aufnahme mit dem YOA Orchestra of the Americas gearbeitet. Ich habe ihre Geschichten aus erster Hand gehört. Ein Mädchen mit Symptomen, die ich nur als Posttraumatische Belastungsstörung und Unterernährung beschreiben kann, zitterte und weinte, als sie mir erzählte, wie ihre Familie nachts den Müllwagen jagt, um Essensreste zu finden. Andere erzählten, wie Familienmitglieder Opfer tödlicher Gewalt gewesen seien. Nach meiner Rückkehr nach Europa konnte ich im ESMUC-Konservatorium in Barcelona Plätze für drei dieser Musiker finden, dank des Mitgefühls seines Direktors und der Großzügigkeit der venezolanischen Gemeinschaft im Exil. Es gibt Tausende mehr, denen geholfen werden kann. Sie stehen vor einer humanitären Krise der Lebensmittel- und Medikamentenknappheit in einem gescheiterten Staat, dessen Hyperinflation diese Woche von Bloomberg auf 82.000 Prozent geschätzt wurde.

Dem werten Herren in Berlin, der dazwischenrief, als Venezolaner im Publikum spontan vor einer meiner Aufführungen unsere Nationalhymne sangen, und den Kritikern, die mich auffordern „halt einfach den Mund und spiel“, sage ich deshalb Folgendes: Ich habe mich nicht für diese Zeiten oder Situationen entschieden, aber ich entscheide mich dafür, gegen sie zu protestieren und sie auf der Bühne zu reflektieren in der metaphorischen und emotionalen Sprache der improvisierten und der komponierten Musik, in der Tradition früherer Komponisten, bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich keinen Grund mehr dazu habe. Ich werde ohne Entschuldigung für diejenigen kämpfen, die diese Plattform nicht haben, von der aus ich sprechen kann, und ich werde weiterhin diejenigen zur Rechenschaft ziehen, die sich bereitwillig verpflichtet haben, das kriminelle Regime zu propagieren, das mein Land zerstört hat.

In ihren letzten Worten schrieb die tschechische Dissidentin Milada Horáková: „Der Mensch lebt nicht allein in dieser Welt. Darin liegt großes Glück, aber auch eine enorme Verantwortung. Unsere Verpflichtung ist nicht eigennützig zu handeln, sondern zu verschmilzen mit den Bedürfnissen und Zielen anderer.“

Die Bedürfnisse und Ziele des venezolanischen Volkes bestehen darin, ihre Gesellschaft von dem Krebs zu befreien, der sie in den letzten zwanzig Jahren zerstört hat, wenn auch zum Soundtrack von Beethoven und Mahler. Ich werde den Mund nicht halten, bis diese Bedürfnisse und Ziele erreicht sind.

Schweigen ist keine Option.

Vielen Dank.