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über das motto 2012 »metamorphosen«

»Metamorphosen«, also Verwandlungen, sind allgegenwärtig. Jeder von uns kennt die eine oder andere Erzählung aus den »Metamorphosen« des Ovid, in denen Götter, mythische Wesen und Menschen in Tiere, Gewässer, Steine oder Pflanzen verwandelt werden. Wie die Nymphe Syrinx, die sich vor den Nachstellungen Pans, des Gottes des Waldes und der Natur, in die Gestalt von Schilfrohr flüchtet. Diesem Schilfrohr entspringen wunderschöne Töne. Der in Liebe entbrannte Pan bricht das Schilf, bindet es zur Panflöte und spielt auf ihr zeitlebens seine Lieder im Angedenken an seine Geliebte.

Die Metamorphose der Syrinx ist ein schönes Bild dafür, womit wir uns thematisch beim Heidelberger Frühling 2012 beschäftigen wollen. Verwandlungsprozesse begegnen uns überall in der Natur und in den schönen Kunsten, und auch für die Musik sind sie von wesentlicher Bedeutung. Wie bei der Metamorphose einer Raupe, die sich verpuppt, verschiedene Entwicklungsstadien durchläuft, zum Schmetterling wird und damit ihre Gestalt vollständig verändert, beginnt der klassische Kompositionsprozess mit einem Kerngedanken, einem Motiv, das zu einem Thema entwickelt, musikalisch-thematisch verändert, bearbeitet, variiert wird, unterschiedliche Gestalten durchläuft, bis am Ende der Satz und dann das Werk steht.

Die konstante Veränderung ist ein musikimmanentes Moment, das sich in unterschiedlichen Kompositions- und Aufführungstechniken, musikalischen For-men, Gattungen, Stilistiken und Klangbildern zu allen Zeiten der Musikgeschichte zeigt. Die Nachahmung von Natur, man könnte auch sagen, die Übertragung von natürlichen Erscheinungen in künstlerische Schöpfungen, findet sich seit jeher in der Musik. Bereits am Eröffnungswochenende des Heidelberger Frühling haben wir eine Reihe von Veranstaltungen zusammengestellt, in denen dieses Phänomen in unterschiedlichen Ausprägungen nachvollziehbar wird.

So nehmen Hille Perl und Lee Santana in ihrem Konzert unter dem Titel »Labyrinth & Wirbelwind – Variationen über die Natur und die Natur der Variation« Bezug auf französische Barockgärten aus der Zeit des Sonnenkönigs. Während im Renaissance- und im Barockzeitalter die Imitation der Natur und die »Imitatio« als kompositorisches Verfahren ihre Blütezeit erlebten, wurden Naturschilderungen in der Romantik als Metaphern für seelische Zustände des Menschen verwendet. Späte Nachklänge dieser romantischen Auffassung finden sich in Benjamin Brittens »Four Sea Interludes«, mit denen das City of Birmingham Symphony Orchestra unter Andris Nelsons in Heidelberg zu Gast sein wird. Die Naturschilderung in Debussys »La Mer« setzt in diesem Konzert die Auseinandersetzung mit unserem Thema fort. Hauptwerk des »New Generation«-Konzerts mit Sebastian Manz und fünf weiteren hochkarätigen Newcomern ist Olivier Messiaens »Quatuor pour la fin du temps«. Hier findet sich eine Nachahmung der Natur – wiederum eine Parallele zur »Imitatio« der Barockzeit –, die inspiriert ist vom christlich geprägten Gottesbild des Komponisten. Messiaen selbst beschreibt die Machart des ersten Satzes wie folgt: »Zwischen drei und vier Uhr morgens erwachen die Vögel; ein Solist, eine Drossel oder Nachtigall, improvisiert inmitten einer schimmernden Klangfülle und in der Aura von Trillern, die sich hoch in den Bäumen verlieren ... übertragen haben wir hier das harmonische Schweigen des Himmels.«

Den Abschluss unseres Eröffnungswochenendes bildet schließlich die Konzertinstallation »Singing Garden«. Hier begegnen sich Naturschilderungen aus Fernost und West, Tradition und Moderne. Neu komponierte Instrumentalwerke des zurzeit bekanntesten japanischen Komponisten Toshio Hosokawa treffen auf Concerti von Antonio Vivaldi. Hosokawa selbst beschreibt seinen Kompositionsprozess für »Singing Garden« als Anlegen eines Gartens, der die Musik Vivaldis auf natürliche Weise umschließt. Mit den Mitteln einer raffinierten Lichtdramaturgie wird der Zuhörer mitgenommen auf eine Reise, die den ewigen Kreislauf von Nacht zu Nacht beschreibt. Nach der Uraufführung im Berliner Radialsystem ist der »Heidelberger Frühling« die erste Station dieses von der Bundeskulturstiftung geförderten Projekts außerhalb der Hauptstadt – und zugleich der erste Schritt, den das Festival in den nächsten Jahren in Richtung Ko- und Eigenproduktionen gehen möchte.

Dem Thema »Metamorphosen« begegnet man natürlich nicht nur am Eröffnungswochenende, es durchzieht in unterschiedlicher Form das gesamte Programm. Sei es beim Konzert »von der verenderung der gestalten« des Mittelalterensembles Leones, das Lesungen aus Ovids »Metamorphosen« und dem »Heidelberger Schicksalsbuch« mit von diesen Werken beeinflusster Musik zusammenführt. Oder bei dem Rezital von Igor Levit, bei dem mit den »Diabelli-Variationen« und »The People United Will Never Be Defeated!« von Frederic Rzewski das Jahresmotto am Beispiel der musikalischen Form der Variation erneut aufgegriffen wird.

 

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