Kammermusikfest »Standpunkte«
und seine Künstler

In der Fremde

»Aus der Heimat hinter den Blitzen rot
Da kommen die Wolken her,
Aber Vater und Mutter sind lange tot,
Es kennt mich dort keiner mehr.
Wie bald, ach wie bald kommt die stille Zeit,
Da ruhe ich auch, und über mir
Rauscht die schöne Waldeinsamkeit,
Und keiner kennt mich mehr hier.«

»In der Fremde« – der Leitgedanke des Heidelberger Frühling 2017 – ist zugleich der Titel dieses berühmten Liedes aus Robert Schumanns Liederkreis. Das Gedicht von Eichendorff, das Schumann vertonte, hat eine besondere Pointe: In der Fremde ist man dort, wo einen keiner kennt. Und schlimmer noch als nicht gekannt zu werden ist es, nicht mehr gekannt zu werden. Nicht so sehr geographisch als vielmehr menschlich wird also Heimat definiert. Man könnte Eichendorff so zusammenfassen: Heimat ist überall dort, wo intakte menschliche Beziehungen entstehen.

Was ist Heimat, was ist Fremde?

Was ist Heimat, was Fremde? Das diesjährige Kammermusikfest »Standpunkte« fragt danach und versammelt Künstlerinnen und Künstler, die in mehreren Kulturen beheimatet sind: Lisa Batiashvili, die in Deutschland lebende Georgierin; Mahan Esfahani, der in Teheran geborene und aufgewachsene, heute in England lebende Cembalist; Igor Levit, in Russland geboren und als Kind nach Deutschland übergesiedelt; Isang Enders, der in Frankfurt in eine deutsch-koreanische Musikerfamilie hineingeboren wurde; Uri Caine, der amerikanische Pianist und Komponist, dessen Eltern mit ihm stets Hebräisch sprachen; die vier Musiker der Cairo Jazz Station, die aus Portugal, der Türkei, Italien und Ägypten stammen und sich auf die Suche nach der gemeinsamen kulturellen Identität der Mittelmeer-Länder gemacht haben. Heimat ist überall dort, wo intakte menschliche Beziehungen entstehen – diese Nachricht ist politischer, als man zunächst denken könnte. Denn sie betont die Verantwortung jedes Einzelnen dafür, dass andere eine Heimat finden können. Über die Neugier, das Zuhören und das Sich-Einlassen-Können lässt sich diese Verantwortung ausüben. Wir haben deshalb drei Konzertformate für die »Standpunkte« entworfen: die Erzählungen, die Begegnungen und die Erkundungen. In den Erzählungen kommen einzelne Festivalkünstler zu Wort und berichten, redend und musizierend, über sich selbst. In den Begegnungen treffen Kammermusiken aus zwei Kulturen aufeinander; und in den Erkundungen werden die Grenzen der Klassik weit in alle Stilrichtungen geöffnet.

Musik in der Kammer

Die »Standpunkte« werden damit 2017 und für die Zukunft zu einem Festival, das alle Musik umfasst, die »in der Kammer« gemacht werden kann; die »Kammer« verstanden als Ort intensivster Begegnungen zwischen der Musik und ihren Hörern, zwischen Künstlern und Publikum. Man könnte auch sagen: als ein Ort, der Heimat bietet.

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