Festivalmotto – Zusammen

Intendant Thorsten Schmidt und der Co-Künstlerische Leiter des Musikfestivals Igor Levit im Gedankenaustausch über das Festivalmotto „Zusammen“. 

Starten wir mit einer These: Gesellschaftlich verbindet uns heute ein gehöriges Maß an Fokussierung auf das Individuum. Man hat den Eindruck, im Zentrum individuellen Handelns stünde vor allem der eigene Vorteil, die Befriedigung der eigenen Interessen. Wie kann ich schneller vorankommen? Wo kann ich mich am besten entfalten? Und vielleicht ja auch: Wie kann ich mein Ich, welches mich ausmacht, wie kann ich das, was mich bewegt und interessiert, am besten einbringen? Aus lauter Ichs formen wir ein Wir und nennen es Gesellschaft.

Wenn es so einfach wäre. Wir befinden uns inmitten eines großen Transformationsprozesses. Das globale Weltdorf führt zu gewaltigen Herausforderungen: Diversität ist ernst zu nehmen und in gesellschaftliches Handeln zu überführen. Wir müssen den Klimawandel bewältigen. Das funktioniert nicht mit Absichtserklärungen, sondern nur über eine gravierende Veränderung individuellen und wirtschaftlichen Handelns. Politische Krisen müssen bewältigt, eine globale Chancengleichheit muss erreicht werden. Technologischer Fortschritt muss gestaltet und über politische Prozesse mit den rechtlichen Errungenschaften, die unsere individuelle Entwicklung mit einer Fülle von Freiheitsrechten erst möglich machten, in Einklang gebracht werden. Und das ist nur ein kleiner Ausschnitt aus der Reihe der aktuellen Herausforderungen. All das erfordert Zusammenarbeit, Gemeinschaft, ein immer wieder unterschiedlich zusammengesetztes Wir. Doch was hält dieses Wir letztlich zusammen? Was hält es am Leben? Was bringt es zur Entfaltung? Und: Was erwarten wir von ihm? In den letzten Jahren, vor allem in Zeiten der Pandemie, ist deutlich geworden, wie unterschiedlich auf dieses gemeinsame Wir geblickt wird. Die Welt wandelt sich so rasant, dass ein einzelner Mensch nur noch kleinste Teile davon verstehen kann. Umfassende Probleme, die nicht im engsten Einflussfeld eines einzelnen Menschen liegen, können nicht allein bewältigt werden. Wir brauchen die Gemeinschaft. Und die Gesellschaft braucht den aktiven, kreativen, streitbaren und toleranten Verbund der und des Einzelnen, um zu einer tatkräftig gestaltenden Gemeinschaft zu werden.

TS: Wirkung entfalten können wir nur, wenn wir es schaffen, zu überzeugen oder uns überzeugen zu lassen und dann gemeinschaftlich agieren. Etwas zusammen zu tun, bedeutet Handeln in einem System. Es ist verbunden mit Rücksichtnahme, Interessensausgleich, Aushandlungsprozessen, Zurücknahme eigener Interessen zum Wohle eines Gesamtergebnisses, das auf lange Sicht für jedes einzelne Individuum eine Verbesserung der eigenen Situation bedeutet. Auch wenn es nicht das Optimum seiner eigenen Wünsche und Ziele erreicht hat. Wer ein Wirtschaftsstudium absolviert, lernte über lange Zeit, dass die Akteure wirtschaftlichen Handelns – das sind wir alle – rational agieren und grundsätzlich zunächst ihre eigenen Bedürfnisse befriedigen möchten. Mit anderen Worten: zuerst ich und dann mal schauen, was mit den anderen ist. Diese Annahmen, die man dem sogenannten Homo Oeconomicus zuschreibt, prägten das Bild der Ära des Neoliberalismus der letzten Jahrzehnte. Nicht immer mit kluger Folgenabschätzung. Wenn wir den Zustand unserer Erde anschauen, stellen wir fest, dass etwas mehr an kritischer Wirkungsanalyse vielleicht klüger gewesen wäre. Aber sind diese Annahmen über die grundsätzlich egoistische Ausrichtung des Menschen überhaupt richtig? Der niederländische Historiker Rutger Bregman stellt eine andere These auf. Der Mensch sei gegenüber seinen Artgenossen im Grunde gut, das heißt, von Natur aus auf Einigung und friedliches Miteinander bedacht. Der Anthropologe David Graeber und der Archäologe David Wengrow lesen Menschheitsgeschichte neu und interpretieren anhand einer Fülle von Quellen den Menschen als soziales Wesen, das stets zu sozialen Projekten fähig war. Das macht doch Hoffnung. Vor dem Hintergrund der Herausforderungen des weltweiten Transformationsprozesses scheint eines klar: Das neoliberale Paradigma, das vornehmlich an individueller Bedürfnismaximierung ausgerichtet ist, funktioniert nicht mehr. Probleme
sind nur gemeinsam zu lösen.

IL: Mich interessiert die Frage, wie wir zu einer gemeinsamen Grundhaltung finden, die uns als Gesellschaft handlungsfähig macht. Sollten wir stärker von einem Wir und weniger von dem Ich ausgehen? Das ist eine zentrale Frage, deren Beantwortung gravierende Auswirkungen für uns alle hat. Die Menschheit hat Gesellschaftssysteme erlebt, in denen sich das Individuum grundsätzlich dem Ziel der Gesamtgesellschaft unterzuordnen hatte. Das waren nicht unbedingt vorbildliche Systeme. Also, wie konstituiert sich dieses Wir? Das herauszuarbeiten wird eine Herausforderung, der Prozess der Vereinzelung ist stark. Während der Pandemie haben viele von uns gelernt, besser auf sich selbst achtzugeben und sich daheim alleine zu unterhalten. An gemeinsamen Orten haben wir verinnerlicht, Abstand zu halten, an den privaten haben wir Freude an Streams oder Social Media-Plattformen gefunden. Das führt uns vor Augen, wie hoch die menschliche Anpassungsfähigkeit ist und wie schnell sich gesellschaftliche Bedingungen ändern. Es zeigt aber auch, wie schnell es geht, dass gesellschaftliche Paradigmen in Frage gestellt oder für obsolet erklärt werden.

TS: Das ist ein wichtiger Punkt. Was leiten wir konkret daraus für den Heidelberger Frühling ab? Die zentrale Aufgabe eines Festivals ist es ja, über alles, was wir tun, also über Programme, über die eingeladenen Künstlerinnen und Künstler, über Begegnungsmöglichkeiten im Umfeld der Veranstaltungen, Kommunikationsräume zu schaffen, in denen Erlebtes nachklingen und teils kontrovers diskutiert werden kann. Wir schaffen also einen Mikrokosmos auf Zeit, der eine soziale Gemeinschaft gestaltet. Hier gibt es eine Idee, die ein Wir von Seiten des Festivals gestaltet und die Rahmenbedingungen schafft. Ob es funktioniert, hängt davon ab, wie sich die Teilnehmenden einbringen. Vielleicht ein erster Klärungsansatz für Deine Frage?

IL : Ein beglückendes – und geglücktes! – Zusammensein entsteht aber auch nur dann, wenn sich jede und jeder gesehen fühlt. Das ist eine Grundvoraussetzung und geht manchmal etwas unter. Die Zielsetzung der Festivalgemeinschaft wird komplex, wenn man sich klarmacht, dass wir zu den Konzerten und Veranstaltungen sehr viele unterschiedliche Menschen einladen. Jede und jeder denkt anders, hat Verschiedenes erlebt, setzt unterschiedliche Prioritäten. Wenn es uns gelingt, den Menschen auf, hinter und vor der Bühne das Gefühl zu geben, dass sie sich gesehen, wohl und ernst genommen fühlen, dann entsteht ein wirklich wertvolles Zusammensein. Und das bedeutet wiederum: Räume schaffen, in denen ein solches Zusammenkommen und Zusammensein gelingen kann.

TS : Bei dem, was wir als Festival erarbeiten und gestalten, steht ja stets der Mensch, den wir mit dem, was wir entwickeln, erreichen wollen, im Mittelpunkt. Aber es ist nicht nur der Weg von uns – und hier beziehe ich die Künstlerinnen und Künstler mit ein – in Richtung Publikum. Das Ganze ist doch letztlich ein zweiseitiger Prozess. Die Menschen kommen zwar ins Konzert, um etwas zu erleben und dann berührt und inspiriert wieder nach Hause zu fahren. Sie wissen vermutlich nicht, dass sie entscheidend zum Gelingen des Konzertes beitragen. Sie daran zu erinnern, ist ein zentraler Bestandteil unserer Arbeit. In ihrer Gestimmtheit wirken sie auf die Bühne ein. Du weißt am besten, dass die Atmosphäre im Saal sich sofort den Künstlerinnen und Künstlern vermittelt und maßgeblich zum Konzerterfolg beiträgt. Diese Gestimmtheit des Publikums ist maßgeblich davon abhängig, dass die richtigen Rahmenbedingungen für ein Konzerterlebnis und das Davor und Danach gut von uns gestaltet sind. Unsere Aufgabe ist es, ein Gemeinschaftsgefühl zu stiften und dadurch die Trennung zwischen Bühne und Publikum aufzuheben.

IL:Die nächsten fünf Jahre haben wir als Zeitraum abgesteckt, um das Thema „Zusammen“ beim Heidelberger Frühling Musikfestival künstlerisch zu reflektieren. Neu ist unsere Zusammenarbeit natürlich nicht. Wir beide kennen uns seit 13 Jahren, arbeiten gemeinsam eng für das Festival, denken zusammen nach, haben in den Jahren vieles gemeinsam miteinander gestaltet. Dementsprechend ändert sich eigentlich nichts. Und doch ändert sich alles. Du hast ja eine bewusste Entscheidung gefällt, indem du mich gefragt hast, ob ich in die Künstlerische Leitung einsteigen will. Und wer Dich kennt weiß, dass damit auch der Wunsch verbunden war, alles, was das Festival angeht, auf den Prüfstand zu stellen. Ich finde es wichtig, gemeinsam zu überlegen, wie noch mehr kreative, sinnstiftende Gemeinschaft aus Künstlerinnen und Künstlern und Publikum entstehen kann. Und dabei maßen wir uns nicht an, die Probleme der Welt zu lösen, sondern bleiben bei dem, wofür wir stehen und arbeiten. Wo und wie möchten wir uns begegnen? Welche Themen müssen wir dringend gemeinsam verhandeln? Und wie wollen wir miteinander reden?

TS : Und dennoch können wir vielleicht beispielhaft durch unsere Zusammenarbeit und das, was wir in den kommenden fünf Jahren entwickeln, zeigen, wie zusammen Herausforderungen bewältigt werden können. Das, was wir uns vorgenommen haben, ist mit einer der wichtigsten Komponenten von Zusammenarbeit verbunden: Vertrauen!

IL: Das ist richtig. Ich habe damals mit dem Heidelberger Frühling einen Raum betreten, in dem mir großes Vertrauen entgegengebracht wurde und wird. Ich habe hier die grundsätzlichsten
Dinge gelernt – weit über Tonleitern und Legato spielen hinaus. Das fängt beim Sprechen auf der Bühne an und geht über Begegnungen mit unterschiedlichsten Menschen bis hin zum
Gefühl, dass es okay ist, wenn mal ein Konzert nicht perfekt läuft. Es sind so viele Dinge passiert in den letzten Jahren. Ich bin fortan so sehr integraler Bestandteil des Musikfestivals gewesen, dass ich mich hier selbstverständlich zugehörig fühle und weltweit mit kaum einem Festival über die letzten Jahre so eine enge Verbindung  eingegangen bin. Das liegt entscheidend an den Menschen, die hier agieren. Ich empfinde den Heidelberger Frühling als Geschenk in meinem Leben. Nun schenke ich dem Festival etwas von mir und wir schenken gemeinsam etwas dem Publikum. Das klingt vielleicht etwas pathetisch. Aber genau darum geht es doch in diesen rauen Zeiten: sich bewusst zu machen, dass man zusammen erheblich stärker ist und vor allem auch nicht allein.

TS : Pathetisch klingt das überhaupt nicht. Wir haben über die Jahre festgestellt, wie wertvoll es ist, zusammenzuarbeiten. Neben einem Grundvertrauen teilen wir eine ähnlich assoziative Denkweise, eine offene, konstruktive Streitkultur und das gemeinsame Interesse an relevanten Fragen in unserer Gesellschaft. Wir beide sind überzeugt davon, dass sich ein Festival als Ort des Zusammenkommens ständig weiterentwickeln muss, und haben in den vergangenen Jahren eine gemeinsame Sprache für diese Aufgabe gefunden. Aber natürlich sind uns auch Unterschiede bewusst. Wir schätzen sie sogar besonders. Unser Austausch und die intellektuelle Reibung sind für mich zentral. Du siehst die Welt mit vollkommen anderen Augen als ich. Und genau das ist die Chance unserer Zusammenarbeit.

IL: Andersherum ist aber auch klar, dass Du 26 Jahre mehr Erfahrung hast, ein Festival zu formen und zu leiten. Du hast Dinge und Zusammenhänge im Kopf, an die ich überhaupt noch nie denken musste, etwa zu der künstlerischen und finanziellen Verantwortung oder zu Gesprächen mit Politik oder Sponsoren. Wir nähern uns also aus unterschiedlichen Perspektiven einem Thema an. Und entsprechend gibt es natürlich auch Reibung und viele Diskussionen. Aber wir haben immer mit einer gemeinsamen Stimme gesprochen und werden das auch in Zukunft tun. Soweit unser Gedankenaustausch, den wir mit Ihnen teilen möchten. Der Idee folgend, dass zwei Einsen zusammen eben keine Zwei, sondern eine Elf formen, haben wir beschlossen, die kommenden fünf Jahre gemeinsam zu gestalten. Zusammen ist man mehr als die Summe seiner Teile. Auch das klingt wie eine pathetische Floskel, aber es dient uns als Kompass, als Leitmotiv in unserer Arbeit. Im Festivalprogramm werden Sie immer wieder auf verschiedene Aspekte des Zusammenkommens aus künstlerischer Perspektive stoßen: Was passiert etwa, wenn Musik aus unterschiedlichen Kulturen auf der Bühne zusammentrifft? Wie schaffen komponierende Visionäre ein Zusammengehörigkeitsgefühl über ihr teilweise Jahrhunderte überdauerndes Werk? Welchen Anteil haben Migrationsbewegungen, die immer wieder ein neues Zusammen formen, auf musikalische Entwicklungsprozesse? Wie formen Musikerinnen und Musiker die idealen Bedingungen für ein künstlerisches Miteinander? Und wir wagen eine ganz neue Form der Zusammenführung:  20 Nachwuchssolistinnen und Nachwuchssolisten werden auf dem Festivalcampus rund um den Universitätsplatz in der Heidelberger Altstadt zusammenkommen und uns ab dem Eröffnungskonzert als Festivalcampus-Ensemble, in unterschiedlichen Besetzungen auftretend, an den Früchten ihrer Arbeit in Festivalcampus-Konzerten, aber auch in Stadtteil-Konzerten bei freiem Eintritt teilhaben lassen.

Kommen Sie vorbei, machen Sie mit – wir freuen uns auf die gemeinsame Zeit mit Ihnen!

Ihr Igor Levit und Ihr Thorsten Schmidt


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